Ausgabe 134
vom 29.04.2007
Herausgeber: www.virtual-galopp.de
Redaktion: Sagittaria, Stella, Conny,
Elissa, Hopi
Auflage: 14000

Longwriter

Ein Erlebnissbericht
© Hopi
Faszination Galopprennsport
Völlig außer Atem stehe ich an der Innenseite der Bande gelehnt da und schaue konzentriert einem explosionsartig nach vorne preschendem, schwarzgrauen Gebilde nach. Auf dem Rücken des voranstürzenden dunklen Schemen richtet sich eine blau-grau gekleidete Gestalt auf und gibt sich Mühe, das Tempo zu verringern. Erst als das gelingt, wende ich mich ab und gehe leicht in die Hocke, um durch die Bande vom Geläuf in den Zuschauerraum zu kommen. Ab jetzt liegt „meine“ kleine Stute ganz in der Hand des Reiters. Grinsend kommen drei bekannte Gesichter auf mich zu: „War ja zackig drauf deine kleine!“ ruft man mir entgegen und ich bringe ein lang gezogenes „Jaahaaaa“ zustande. Mit einer der drei Personen gehe ich nach vorne zum Zielbereich.
„Was hast du vorhin gesagt?“ fragt sie mich und spricht damit mein im Führring an sie gemurmeltes „Mir ist schlecht...“ an. Ich wiederhole mich und sie schaut mich erstaunt an.
Aufregung kennt man von mir vor einem Rennen in dem einer meiner Lieblinge läuft. Wirklich schlecht war mir aber schon lange nicht mehr.
An diesem Tag setzte das Gefühl zu genau dem Zeitpunkt ein, an dem es sonst immer aufhörte: als ich den Führring betrat.
„Gibst du Dir heute Mühe, meine Kleine?“ Fragte ich die neben mir laufende Stute leise und ihre feinen Härchen stellten sich auf, ihre Muskeln zitterten leicht. Es dauerte nur einen Moment, dann war sie wieder entspannt. Es war einer dieser Momente in denen man denkt das Pferd hat ganz genau verstanden, was man da eben gesagt hat. Eine Gänsehautsituation.
Und mir wurde Speiübel.
Roumixa hatte die ganze Saison über Pech gehabt. Sie trat in ein Loch und fiel Längen zurück, wurde dann dennoch fünfte. Sie verschluckte mehrmals ihre Zunge, was böse hätte Enden können. Sie wurde ein mal behindert. Sie wurde ein mal angaloppiert. Sie wurde mit Nase geschlagen zweite. Sie sollte für das Jahr 2005 ihre letzte Chance erhalten.
Und sie war gerade für wenige Sekunden neben mir her gelaufen, als wüsste sie ganz genau, wie sehr wir uns alle nach dieser nicht enden wollenden Pechsträhne einen Sieg wünschten.
„Ich hab ein ganz dummes Gefühl...“ meinte ich zu meiner Begleiterin als wir am Zielfotobereich ankamen.
„Entweder gewinnt sie heut oder es passiert irgendwas...“ ich bin sonst wirklich kein dramatisch veranlagter Mensch, aber mein Bauch rebellierte so stark und in mir stieg ein solch seltsames Gefühl auf, wie ich es noch nie erlebt habe. Wir standen stumm an der Bande, während die Pferde ihre Plätze in der Maschine einnahmen. Als der Start erfolgte, blickte ich wie immer auf die Hecke vor mir und den darauf liegenden Führzügel. Das Rennen lief. Mixi wurde kaum erwähnt. Meine Hand griff nach dem Lederzügel vor mir. Als die Pferde in den Schlussbogen kamen begannen meine Finger nervös mit dem Karabiner zu spielen. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Das Feld bog in die Gerade ein, meinen Blick immer noch auf das Grün der Hecke gerichtet, nahm ich den Kommentator nur verschwommen wahr, bis-
„Und da hat Roumixa eine Lücke gefunden, Roumixa rückt näher auf, Roumixa an dritter Position, vor ihr...“
Mein Kopf ruckte in die Höhe. Gleichzeitig begannen nicht nur mein schon die ganze Zeit anwesender Seelischer Beistand und ich, sondern auch noch 5 andere Personen, deren Eintreffen ich gar nicht wahrgenommen hatte, in einer Lautstärke, die für alle Nebenstehenden alles andere als Gesund war, zu Brüllen und zu schreien, als ob es um den Sieg im Derby ginge – mindestens. Die Pferde kamen auf uns zu gerast, Mixi und zwei andere Pferde, die ich in diesem Moment nur verschwommen wahr nahm, an der Spitze des Feldes.
Der Lautstärkepegel unserer Anfeuerungsrufe wurde immer lauter, ohne es zu merken, haute ich mit den Händen auf die stachelige Hecke ein, mein Blick klebte an Mixi, als sie sich immer weiter nach vorne schob, die Spitze übernahm.
Nase...meine Hände stellten das schlagen auf die Hecke ein.
Kopf...meine Stimme verweigerte mir jeden weiteren Dienst.
Hals...ich schlug halb ungläubig halb überwältigt die Hände über meinen Mund.
Halbe Länge...Tränen schossen mir in die Augen.
Ab da gab es kein Halten mehr. Die fast schon hysterisch anmutenden Rufe um mich herum brachen in lautes Jubelgeschrei um, ich selbst sah mit vor den Mund geschlagenen Händen stumm und fast schon paralysiert zu, wie mein Stutenkind mit einer Länge Vorsprung als erste übers Ziel ging, während sich Tränen ihren Weg über mein Gesicht suchten. Sechs Leute, darunter die anderen Amateure aus meinem eigenen Stall, sowie Amateure eines anderen Dresdner Trainers, umarmten mich und jubelten mir unverständliche Dinge zu, während ich heulend in ihrer Mitte stand. Mein Herz schlug viel zu schnell, mein Puls raste, als die anderen bemerkten, wie nahe mir dieser Sieg ging, jubelten sie nur um so lauter.
Mit zitternden Händen ging ich, ohne auch nur ein Wort mit ihnen zu wechseln, aufs Geläuf.
„Und die, die heult führt das Siegerpferd! Das ist immer so – entweder sie heulen oder sie springen rum wie blöde!“ stellte der Fotograf grinsend fest und ich musste selbst etwas lachen, begriff erst da richtig, dass hundert fremde Leute im Umkreis standen und mir beim Heulen zusahen, beschloss dass das eigentlich ohnehin egal war. Von der Seite umarmte meine Trainerin (und gleichzeitig Mixis Besitzerin) mich, und ich hörte sie verschwommen durch den Schwall an Gedanken und Gefühlen hindurch sagen „Hat die Kleine es doch noch geschafft!“.
Die meisten Pferde waren bereits von ihren Führern in Empfang genommen worden, als Mixi neben dem Zweitplatzierten auf uns zu galoppierte und mir einen der wohl schönsten Momente meines Lebens schenkte.
Ja, sie hatte es geschafft.
Gastautorenartikel (SE)
© Hörstein
Mach mich nackisch!!
Allerorts in den Vereins- und Turnierställen surren derzeit die Schermaschinen und befreien die treuen Reittiere von langer Winterbehaarung. Klar, dass ich da nicht mit einem Zotteltier zum Training fahren kann, und so beschließe ich, ebenfalls mein Pferd zu scheren.

Vertrauensvoll wie ich es nun mal bin, wenn es um meine Pferdekinder geht – schließlich kann ich ja erwarten, dass wenn ich ihnen mein Vertrauen schenke, sie dies auch uneingeschränkt zu erwidern bereit sind – verzichte ich auf Beruhigungsmittel und fummle mit vorwinterlich klammen Fingern den Stromstecker des Pferdehaarschneideapparates in die Dose, während mein Pferd, das im Übrigen eine Elchschaufel auf der Hinterbacke trägt, eifrig bemüht ist, seinen Anbindestrick noch vor Inbetriebnahme des Schergeschützes durchzukauen, und noch relativ desinteressiert mein Treiben ignoriert.

Als aber nun endlich der Stromfluss hergestellt ist, der das Maschinchen zum Leben erweckt, da richtet mein Pferdchen seine Aufmerksamkeit blitzartig auf mein Tun. Der, welcher noch eben strickekauend meditierte, ist nun plötzlich hellwach und not very amused, als ich mich nun mit dem laut brummenden Gerät an ihn heranschleiche. Natürlich bin ich bemüht, ein Pferdeversteher zu sein, denn schließlich handelt es sich bei Vertretern dieser edlen Pferderasse allesamt um sensible Tiere und darum schmeichle ich mich bei meinem Reittier mit einem Möhrchen ein, das ich ihm mit der linken Hand unter sein Sektkelchschnäuzchen halte, während meine rechte Hand sich ihm mit dem Schermonster nähert. Mit den zartfühlenden Worten: „Schau mal was ich Dir Feines mitgebracht habe. So eine brave (brav natürlich mit langgezogenem AAAAAAA) Schermaschine und die tut Dir gar nichts (Gar na klar auch mit AAAAAAA)“, lasse ich das Gerät nun in seiner Kopfhöhe surren.

Allerdings scheint die Vertrauensbasis zwischen meinem Pferd und mir gerade tiefe Risse zu bekommen, denn anstatt braaaaaav stehen zu bleiben, schaut mein holder Knabe nun mit Froschaugen und laut schnaubend – dabei den Lärmpegel der Schermaschine um ein vielfaches übertönend – auf das Ding in meiner Hand, das brummend und vibrierend darauf wartet, sich im Fell meines Pferdes zu verbeißen. Welch eine irrwitzige Annahme meinerseits, dass er unter diesen Umständen bereit ist, eine Möhre zu verspeisen!

„Zeig Deinen Mut, Trakehnerblut,“ säusle ich – bemüht, trotzdem lauter zu sein als der arbeitslose und darum wohl mittlerweile zornig knurrende Pferdetrimmer. Der Trakki hört mich aber wohl bei dem erhöhten Lärmpegel des brummenden Apparates nicht – zumal er ihn noch durch empörtes Schnaufen potenziert, denn das Entsetzten steigert sich mit jedem Zentimeter, den das Brummgerät sich ihm nähert, zur Panik. Die Nüstern geweitet, den Ekel und die Abscheu ins typvolle Gesicht gezeichnet, tritt mein Pferdchen nun den Rückzug nach hinten an. „Hoho,“ versuche ich beruhigend auf ihn einzuwirken, das Knirschen des Leders, aus dem sein Halfter gefertigt ist, in beklemmenden Gedanken an mein gestresstes Girokonto bemerkend, aber der Knabe übt sich in Ignoranz und stemmt die Vorderbeine aufs Pflaster, um das Gewicht nach hinten zu verlagern. Die Hankenbiegung – nun nahezu perfekt für den Einsatz zur Levade, ermöglicht Trakkilein jetzt maximales Untersetzen der Hinterhand unter den Körperschwerpunkt. Der Schweif liegt bereits auf der Stallgasse und auf den Strick wirkt die Fliehkraft von 650 Kilo widersetzlichem Pferd, bevor das Halfter endgültig genug gelitten hat und mit einem explosionsartigen Knall nachgibt. Metallringe fliegen mir um die Ohren und der Panikhaken – bzw. das Stück davon, welches ein Einsehen hatte und sich nun vom Strick getrennt hat, trifft meine Stirn.

Ein Schmerz durchzuckt mich, bevor ich zu Boden gehe und nur noch grelle Blitze vor mitternächtlicher Dunkelheit erkennen kann. Doch kurz bevor ich mich in eine Ohnmacht flüchten kann, flüchtet erst mal mein Pferd. In dem Sekundenbruchteil, in dem ich noch mit dekorativem Hinsinken beschäftigt bin – man sieht das doch immer in den Sissifilmen, wie die Damen bewusstlos in die starken Arme des jungen Prinzen gleiten oder in einem meiner Lieblingsfilmepossen „Vom Winde verweht“, wo die Frauen der Südstaaten gleich reihenweise ohnmächtig werden, weil sie sich die Luft abschnüren, nur damit sie im Mieder eine Wespentaille haben. Gut – sicher schwingt nun ein Fünklein Neid in meinen Worten, denn – ich gebe es ja zu – bis meine Taille den Umfang hätte, müsste mir wahrscheinlich einer ins Kreuz treten, während er die Schnüre anzieht und vorher würden vermutlich eher die Miedernähte nachgeben, bevor mein Speck nicht mehr auftragen würde. Trotzdem wäre es natürlich ein dringendes Anliegen von mir, dass wenn ich schon mal die Gelegenheit dazu habe zu Boden zu gehen, das dann doch auch bitte mit Stil tun möchte und eine schlechtere Figur dabei abzugeben als Sissi oder Scarlett kommt ja wohl gar nicht in Frage – Also jedenfalls, während ich mit jenem dekorativen Hinsinken beschäftigt bin, das mich annähernd einem Vergleich mit Sissi oder Scarlett O´Hara nahe bringt, und überlege, ob ich saubere Socken anhabe, aus denen kein Zeh lugt, falls der Oberarzt der Ambulanz, welcher meine Platzwunde versorgt, jung, adrett und unverheiratet sein sollte, da reißt mich schon das Klackern und Schliffern von Hufeisenmetall auf Stein wieder in die Höhe und auf den kalten Boden der Tatsachen zurück. Unangebrachtes Hinsinken würde
a. vermutlich von niemandem zur Kenntnis genommen und somit auch nicht in starken Armen, sondern auf dem soliden Klinker enden und
b. meinem durch die Stallgasse dahinstürmenden Pferd einen erheblichen und vielleicht nicht aufholbaren Fluchtvorteil einräumen.

Trotz brummenden Schädels ... oder neee, das ist gar nicht mein Haupt, was da brummt, sondern der Schervibrator auf dem steinernen Bodenbelag, der noch immer seinen Lebensnerv am Stromnetz von Yello nährt ... nur der Schmerz, der pocht garantiert aus der Richtung meines Gehirns. Nichtsdestotrotz – meine klopfende und blutende Wunde tapfer ignorierend – oh Mann, ich hätte in diesem Moment wohl eine wunderbare Scarlett O´Hara gegeben und als Sissi wäre mir das Mitleid und die Rührung ganzer Kinogängergenerationen über so viel Mut und Tapferkeit sicher gewesen und Rhett Butler wäre stolz auf mich, seine Scarlett, oder meinetwegen der Franzl-Kaiser auf mich, die Sissi, gewesen, wo sie so heldenhaft Schmerz und Pein wegen des Verantwortungsbewusstseins versteckt und in der Stunde der Not ja auch nicht an ihre Wehwehchen denken darf, sondern nur an die gemeinsame Sache, die für Scarlett die Südstaaten und bei Sissi das Volk der Österreicher und Ungarn ist ... eine Sache, für die es sich zu sterben lohnt, als Märtyrerin für alle Zeiten ... Und wo ich nun schon selbst fast zu Tränen gerührt bin, da reißt mich mitten aus meinen wunderbarsten Tagträumen die Erkenntnis, dass ich nicht Sissi und auch nicht Scarlett bin und meine Sache, für die ich mich zeitweise aufopfere, gerade in Richtung Stallausgang entschwand und so wanke ich nun in die Richtung, in der ich meinen Trakehner zu finden hoffe, und finde ihn auch zufrieden grasend vor dem Stallgebäude. Dem Schermonster habe ich vorab kurzfristig das Licht ausgeblasen, indem ich den Stecker zog und nun schweigt er und mein Kopf hat das Brummen übernommen.

Eigentlich hätte ich den selbstzufriedenen Elchschaufler gerne verhauen, aber mein Rest von Contenance und Pferdepsychologie siegten über meinen grollenden Zorn über die blutende Stirn und das zerfetzte Halfter, und schließlich hat sein Seelchen vermutlich nun unter dem Schock genauso gelitten wie meine malträtierte Gesichtsoberhälfte, die sich nun langsam irgendwie verformt anfühlt.

Zum Glück ist das treue Pferd heute relativ einsichtig und macht kein „Fang mich, ich bin der Frühling-Spiel“ mit mir, als ich nun versuche, ihm den Rest vom Halfter, das da noch um seinen Kopf baumelt, um seinen Hals zu schlingen, damit er nicht wieder entfleucht, bevor ich ihn in die Box zurückbugsiert habe.

Unterwegs begegne ich nun meiner Mitarbeiterin, die bei meinem Anblick ungefähr das gleiche Gesicht macht, wie der Trakki, als sich ihm die Schermaschine gefährlich näherte – sie wirkt ziemlich entsetzt und während ich noch überlege, ob ihr ein Gespenst begegnet ist, wobei die Uhrzeit mit kurz nach 10 Uhr in der Früh doch eher nicht als Geisterstunde gilt und sich die Aktivitäten der Untoten eher zu mitternächtlicher Stunde abspielen, da schreit sie: „Du blutest!“. Toll, das hätte ich selbst ja wohl gar nicht gemerkt. Trotzdem sagte ich: „Ich weiß“. „Aber Du hast eine riesige rote Beule am Kopf und da läuft Blut raus!“ „Gut dass es Blut ist, denn wäre es Benzin, dann wäre ich ein Auto,“ versuche ich zu scherzen, aber etwas beunruhigt bin ich nun schon und nachdem mir mein Pferdchen mit den Worten: „Schau Dich mal im Spiegel an!“ aus der Hand genommen wird, halte ich es nun doch für sinnig, das Ausmaß der Bescherung persönlich zu beurteilen.

Als ich nun das „ES“ im Spiegel betrachte, was mich da anschaut wie Max Schmeling in der 10. Runde vor dem alles entscheidenden K.O.-Schlag und versuche es irgendwie mit meinem „ICH“ in Einklang zu bringen, wird mir dann doch ziemlich flau in der Magengrube und ich muss mich erst einmal setzten. Danach habe ich nicht nur eine rote Beule, sondern bin auch noch grün um die Nase und wenn mir nun noch einer sagen würde, wo ich noch Gelb für die Höhe der Nasennebenhöhlen herbekomme, dann könnte ich mich vielleicht für einen Nebenjob als Verkehrsampel bewerben.



Zumindest lasse ich mich widerstandslos zur Ambulanz chauffieren und dort will auch keiner meine Socken anschauen – oh Mann, die ganze Sorge umsonst, denn der Arzt, der meine Wunde klammert, ist überdies eine Frau. Ich bin sicher, Scarlett O´Hara wäre das nicht passiert – die wäre vornehm erblasst und in ihrer Schönheit zerbrechlich wirkend auf dem Krankenlager danieder gelegen und hätte sich ihre Wunde von einem Kerl von der Liga Ashley Wilkes behandeln lassen, der sich natürlich umgehend in sie verliebt und ihr noch vor der Genesung einen Heiratsantrag gemacht hätte. Ich hingegen wirke eher odechangiert mit meinen blutverklebten Haaren und statt vornehmer Blässe habe ich nun einen ungesunden Gelbton im Gesicht (Verkehrsampel – sag ich´s doch!), weil mir beim Geruch von Desinfektionsmitteln immer schlecht wird und während mein Versuch fehlschlägt, noch nach einer Nierenschale zu greifen, bevor mir die Übelkeit endgültig den Magen umdreht, bin ich sicher, dass Scarlett so etwas niemals passiert wäre – zumindest hätte sie sich nicht auf die Schuhe des Arztes übergeben. Man sieht es mir nach und diagnostiziert eine Gehirnerschütterung – da kommt einem wohl in der Regel der Mageninhalt ab und an wieder hoch.

Das Unternehmen: „Ich mach Dich nackisch“ liegt also nun erst einmal auf Eis, welches ich mir auf die Beule packe, während ich im abgedunkelten Zimmer einen neuen Schlachtplan zurechtlege, wie ich es dennoch schaffe, mein Pferd zu entwinterhaaren.

Der nächste Versuch beginnt mit einem Telefonat mit dem Pferdedoc, der mir nun ein Tübchen mit Dope für mein widerborstiges Pferd mitgebracht hat. Er verabreicht dem Trakki einen Teil der Dosis und der fängt auch gleich an zu sabbern, wie ein Boxerhund, dem man einen Knochen vorhält und versucht die Paste wieder auszuspucken. Zum Glück bleibt aber genug drin und der Tierarzt ist guter Hoffnung, dass mein heißgeliebtes Reittier nun in Kürze relaxt auf Wolke sieben schwebt – wenn nicht, sollte ich noch einen Teilstrich nachgeben.

Ich warte also. Diesmal habe ich mir auch einen Gummianbinder besorgt, der hoffentlich nachgibt, anstatt dass der Panikhaken bricht und so ausgerüstet warte ich ... und warte ... und warte. Aber mein Pferd steht quietschvergnügt auf der Stallgasse und lediglich mein versuchsweises Einschalten des Schermonsters quittiert er mit einem vorwurfsvollen Blick und der Tendenz zur massiven Gegenwehr.

Nach zwanzig Minuten bin ich es leid und verabreiche meinem Trakehner noch einmal was aus der Tube. Sicherheitshalber nehme ich aber gleich zwei Teilstriche, nachdem das Beruhigungsmittel so gar keine Wirkung zeigte. Zehn Minuten später schlaucht mein Trakehner aus und langsam sinkt auch sein Kopf tiefer und die Unterlippe hängt nun sehr zum Nachteil seines äußeren Erscheinungsbildes schlaff herab. Ich setzte die Maschine unter Strom ... das Brummen stört das entspannte Pferd offensichtlich nicht. Ich rücke ihm näher auf die winterlich behaarte Pelle ... er bleibt cool und würdigt mich keines Blickes. Wie ein Tippelbruder nach einer 2-Liter-Flasche Lambrusco stiert er dumpf vor sich hin. „Hahaaaa,“ denke ich, „die Gelegenheit scheint günstig wie nie zuvor.“ Und schon fräst sich der Schervibrator durch das üppige Fell.

Wie ich so versuche, die Schnittstellen übereinander zu legen, damit es ein glattes Bild ergibt und man nicht jeden Strich sieht, habe ich das Gefühl zu schwanken. Zuerst denke ich mir ja noch nichts dabei, dann überlege ich, dass das nur mit irgendwelchen Spätfolgen der Gehirnerschütterung zusammenhängen kann. Als dann allerdings von einem zum anderen Moment mein Pferd nicht mehr vor mir steht, sondern mir zu Füßen liegt und immer wieder vergeblich versucht aufzustehen, werde ich extrem panisch und hacke verzweifelt die Nummer des Tierarztes in die Tastatur des Handys. Zum Glück ist der Doc noch in der Nähe und so gibt er meinem Djunkie-Pferd erst mal was in die Vene, damit er wieder mobil wird und rät mir dann die Scheraktion ein paar Tage zu verschieben und erst mal mit meinem Trakehner ein paar Runden im Freien zu drehen.

Zum Glück geht es ihm schon eine halbe Stunde später wieder sehr gut. Als ich beichte, dass ich zwei Teilstriche verabreicht habe statt dem einen, da macht mir der Tierarzt den Vorschlag, den sensiblen Knaben besser intravenös ruhig zu stellen, weil das besser dosiert werden kann, schneller wirkt und mir etwa eine Stunde Zeit bleiben würde, den Winterpelz zu kappen. Drei Tage später schicken wir den Trakki wieder auf einen Relaxtrip und als er dann tatsächlich kurz darauf ausschlaucht und entspannt die Unterlippe hängen lässt, lege ich mit der Schermaschine los.

Während ich so mein Pferd seiner Haarpracht beraube, scheint mir die Aktion nun doch etwas ziel- und planlos, und ich überlege, dass ich eigentlich die sogenannte Jagdschur der Komplettschur vorziehe, denn das lästige Scheren der Beine entfällt damit und das Pferdchen hat doch noch wärmenden Winterpelz auf Nieren und Sattellage, was sicher auch ungemein vor Druckstellen schützt. Ich lasse das Gerät also erst mal verstummen, um nach einem Stück Kreide zu suchen, denn schließlich soll die rechte Seite des Pferdes auch nach der Schur mit der linken Seite identisch sein und dafür scheint es sinnvoll, die Schnittlinie festzulegen und sie anzuzeichnen. Einfacher ist es natürlich, wenn man doch mehr Fell abschert und eine Schabrake auflegt und drumrummalt. Aber ich vertraue meinem Augenmaß und nachdem ich nach mehrminütiger Suche, denn wer Ordnung hält ist nur zu faul zu suchen - sogar zufällig einen Reststummel Kreide im Koffer der Schermaschine entdeckt habe – ich sag´s ja, halte Ordnung, übe sie, sie erspart Dir Zeit und Müh - sieht mein Trakki aus wie Omas Schnittmuster für eine Küchenschürze und ich mache mich wieder frisch ans Werk.

Irgendwie rupft die Haarschneidemaschine nun aber mehr, als dass sie schneidet und ich vermute, dass sie Öl braucht. Also – Strom aus und Schermesser geölt. Strom wieder an und ... verflixte Schweinerei, das Öl verteilt sich anstatt zwischen den Scherblättern, wie ihm geheißen wurde, lieber in Airbrushtechnik auf meiner Jacke und sorgt da für ein Muster, das sicher nie mehr rausgeht ... egal was die Waschmittelindustrie versprechen mag – ein Fettfleck bleibt ein Fettfleck und das ein Stofflebenlang. Gut, die Jacke war eh ein bisschen unmodern und eine Nummer zu klein war sie ja eigentlich auch langsam geworden, da waren wohl die Kalorienzwerge am Werk und haben sie enger genäht.

Zwischenzeitlich hat sich das Öl aber auch an dafür vorgesehener Stelle der Scherköpfe verbreitet und so kann ich doch ein gutes Stück meines Pferdes freilegen. Leider hat das nun zutage tretende Fell die Farbe in Richtung Straßenkötergrau gehend und irgendwie sieht man auch jeden Strich der Scherarbeit. Also ist nun dringende Feinbearbeitung unabdingbar.

Die Maschine wiegt mit jedem Schurstrich nun schwerer und irgendwie wird sie auch ziemlich heiß. Ich beschließe, sie erst mal abkühlen zu lassen und besehe mir während der Vibrationsalarm schweigt, mein Werk. Irgendwie ist nun aber die Schnittkante rechts nach oben verrutscht und es scheint sinnvoll links den Kreidestrich zum Ausgleich doch etwas höher anzusetzen.

Die Schermaschine wirkt wieder kühler und vor allem leichter in meiner Hand und mein Pferd relaxt noch immer und lässt „him swing in the wind“ – was heißt, der Dödel und die Unterlippe hängen immmer noch im Duett ab, also mache ich mich wieder an die Arbeit, obwohl mich nun irgendwie ein Jucken quält, seit ich die ölverspritzte Jacke wegen Hitzeentwicklung meines Körpers infolge Anstrengung auszog. Ein Blick auf meinen Pulloverärmel verrät mir den Grund des Piekens und Kratzens, denn lauter stoppelkurze Pferdehaare stecken zwischen den rechten und linken Maschen, aus denen das Teil gestrickt ist. Nun heißt es, kurz gucken, ob keiner mich sieht, denn schließlich wirkt frau in funktionellem, aber keineswegs mit erotischen Reizen versehenen fleischfarbenem Sport-BH nicht unbedingt wie Germanys next Top Model, zumal sich der Lebkuchen und Glühwein hartnäckig in Form von Speckröllchen an der Bauchregion auszubreiten beginnt. Der Trakki schläft und so störe ich auch sein ästhetisches Empfinden wohl kaum, denn seine Lider hängen bereits über den Pupillen und so wurschtle ich mir den Pulli über den Kopf und schüttle ihn flugs aus. Zum Glück bin ich jetzt nicht Scarlett O´Hara, denn sonst müsste ich erst mein Mieder aufschnüren und was noch viel fataler wäre – ich müsste jemanden finden, der es auch wieder zuschnürt, ohne dass er mich hinterher damit erpresst, allen, die das interessiert, zu erzählen, wie viel Übergewicht meine Rippenbögen rundet. Bloß vermute ich, dass Scarlett O´Hara auch ohne Mieder noch gut aussah – im Gegensatz zu mir.

Drei Minuten später merke ich, dass nun, wo ich mich wieder in das Wollzelt gezwängt habe, das Pieken sich eher verstärkt zu haben scheint. Anscheinend hat sich die gekappte Frisur meines Pferdes nun gleichmässig in den Maschen verteilt – zu blöd, aber egal, da muss ich nun durch. Konzentriert versuche ich nun die Schnittlinien exakt einzuhalten, aber das Gebläse des Schermaschinenmotors scheint den Kreidestaub irgendwie vom Fell zu blasen, wo er sowieso nicht gut hielt und – Glanzspray sei Dank – eher abrutschte als weiße Linien zu fixieren, die mir einen Anhaltspunkt hätten geben können, wie viel Fell noch fallen soll.
Während ich immer wieder rechts und links vergleiche und das übrig gebliebene Fell immer weniger wird, disponiere ich kurzfristig um und beschließe in Anbetracht des immer noch ganz ruhig dösenden Pferdejungen, dass genügend Zeit verbleibt, eine Komplettschur in Erwägung zu ziehen. Immerhin entstünde dadurch der Vorteil, neckische Muster auf den Pferdepopo zu rasieren und so eine Mickimauskopfkontur freizulegen, konnte mein kreatives Vermögen ja wohl nicht überstrapazieren – schließlich schaffen das ja sogar die Reitmädels vom Verein.

Nach unendlich vielen Scherstrichen und noch mehr vergangener Zeit beginnt mein Elchschaufler so langsam das Interesse an seiner Umwelt zurück zugewinnen und die Mickymaus hat nun sowieso nur noch ein Ohr und ein Herzchen auf dem Hintern ist eh viel attraktiver als wenn ich unentgeldlich mit meinem Pferd für Mister Disney Werbung laufe. Ist ja schon schlimm genug, dass man auf jedem Halfter und an jeder Pferdedecke Firmenlogos und Labels anbringt und mich damit zwingt mein Pferd zu einer Litfasssäule der Reitsportindustrie zu machen, was soll ich nun auch noch das Logo eines mehrfachen Milliardärs zur Schau stellen, wo es der gute Walt doch sowieso nicht mehr sieht – so tot wie der ist, wird er mir keinen Sponsoringvertrag mehr unterschreiben, weil Mickys Kopfkontur die Kruppe meines Pferdes ziert.

Nur zu dumm, dass sich die Vibration des Scherapparates sich nun auf meine Hand zu übertragen scheint und so zittere ich versuchsweise ein beidseitig symmetrisches Herz aus dem letzten verbliebenen Fellrest, aber dabei wird das Fleckchen Winterpelz nicht nur immer kleiner, sondern ist nun auch nicht mehr als Herz zu erkennen – also weg damit! Sieht doch sowieso kindisch und albern aus und passt keinesfalls zu einem Edelpferd einer so noblen Rasse.

Trakkilein wird nun schon wieder ein wenig eigensinnig und während ich den Übergang vom Schweif zur Kruppe noch in V-Form zu rasieren hoffe, was mir ungefähr so zielsicher gelingt, wie wenn sich ein Parkinsonkranker eine Zigarette anzuzünden versucht, kommt Leben in den Knaben - der will eindeutig nun nicht weiter geschoren werden und startet eine Meuterei. Klar, dass wenn er das Hinterbein hebt, die Kruppe sich mitbewegt und – ratzfatz beißt sich das Scherblatt durch den Ansatz der Schweifrübe. Super! Nun sieht er aus wie ein Sommerekzemer mit abgeschubbertem Stert. Rettungsversuche sind eher sinnlos, weil meine Hand nun so vibriert, dass ich vermutlich eher für Kahlschlag sorgen würde, als noch etwas auszubessern. Was soll´s – der Schweif wächst ja nach.

Dem Trakehner wird´s aber nun endgültig zu dumm und als ich auch noch auf den Hocker steige, um einen klaren Ansatz unterhalb des Mähnenkammes frei zu scheren, ohne diverse Strähnen der Mähne zu kappen, schmeißt sich der Junge wieder in die Taue. Die halten ihn jedoch diesmal nicht, sondern geben nach und das ist komplett gegen das Konzept des intelligenten Pferdes, das sicherlich hoffte, eine zweite Chance zur Flucht zu erhalten, indem es das Halfter erneut sprengt. Aber das hält diesmal und der Trakki hängt in den Seilen wie ein Bunjeejumper. Empört versucht er nun einen beherzten Sprung zur Seite und diesmal hat er Glück, denn das Gummi dehnt sich und gibt ihm Spielraum bis zu meinem Hocker.

Ich habe in der Schule nicht oft damit geglänzt, dass das vom Lehrer in unsere Köpfe gehämmerte Wissen sich dort lange genug aufhielt, um im Langzeitgedächtnis gespeichert zu werden, aber eins hatte ich gelernt und weiß es noch heute: Dass da, wo eine Masse sich befindet, keine zweite sein kann, ohne dass die erste Schaden nimmt – und während die Masse Pferd nun auf die Masse IchaufdemHocker traf, wusste ich, dass mein Physiklehrer recht gehabt hatte.

Das Halfter reißt. Der Hocker kippt. Ich falle nun zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen auf den Klinkerboden und überlegte mir im Stillen, dass wenn ich nun ohnehin hier öfter mal rumliege, ich mir den Sturz am besten gleich spare und statt dessen sofort liegen bleibe und mich bei der Gelegenheit hier umgehend wohnlich einrichte.

Mein egozentrisches Pferd, welches natürlich, wieder überhaupt nicht darüber nachdenkt, wie es mir nun geht, sondern nur mit sich selbst beschäftigt ist und damit, vor dem Hocker zu flüchten, der sich mit der Unterseite an seinem Bein verfangen hat, sprengt also einmal mehr von dannen und während ich meine Wohnidee einstweilen cancle, weil ich nun beschlossen habe, um den Hocker und das Pferdebein gleichermaßen zu fürchten, nachdem der Elchschaufelträger mein Gefühl von Liebe und Gegenliebe in den Grundmauern erschütterte, indem er mich auf der Stallgasse mit schmerzendem Steißbein zurücklässt, anstatt wie Fury, Black Beauty oder Blitz, der schwarze Hengst, die eigene Sorge ums Überleben hinten anzustellen, um zurückzukehren und seinen geliebten Menschen zu retten.

Während ich mich aufraffe und nun hinter dem ichverliebten Pferd herhumple, beschließe ich gleich nachher noch in der Videothek vorbeizuschauen, um mir entsprechendes Filmmaterial auszuleihen, welches ich dann meinem Trakki zu Demonstrationszwecken vorzuführen gedenke. Schließlich kann es nicht zuviel verlangt sein, dass Pferd wenigstens ein Zeichen seiner Dankbarkeit statuiert, indem es sich in so einer Situation umdreht, zu mir zurückgaloppiert, sich niederkniet, damit ich mich an seinem Hals festhalten kann, um auf die Beine zu kommen und dann wartet, bis ich mich auf seinen Rücken gezogen habe, damit er mit mir zur Ambulanz trabt, nachdem man ihm sein Futter finanziert, die Tierarztrechnungen bezahlt, wenn er hustet oder lahmt und dafür sorgt, dass er stets in duftend gelbem Heu residiert, aus dem täglich mindestens einmal die Äppelhaufen und das Pipi entfernt werden. O.K. Halten wir ihm zugute, dass er seinem Fluchtinstinkt folgte und bislang weder von Blitz noch von Black Beauty inspiriert wurde, wie Pferd sich für die Liebe und Fürsorge seines Menschen erkenntlich zeigt, aber wenn wir alle Blitz, Fury, Black Beauty-Filme, inklusive Phar Lap, Hidalgo und Seabisquit zusammen angeschaut haben, dann erwarte ich schon etwas mehr Zeichen der grenzenlosen Dankbarkeit, als das bislang der Fall war. Muss ich mich denn freuen, wenn wir mit einer blauen Schleife aus einer A-Dressur kommen, während Seabisquit seinen Besitzer reich machte und seinem Jockey Ruhm und Ehr brachte? Es ist an der Zeit, dass ich auch meine Ansprüche etwas nach oben schraube.

Und während ich die Trümmer meines Hockerchens zusammensuche und mich das schlechte Gewissen schon wieder beisst, dass ich mich über die Undankbarkeit des Trakehners ärgere, anstatt mir Sorgen zu machen, ob sich vielleicht ein Splitter des Hockers in sein Füsschen bohrte, als das Sitzmöbel zerbrach, begrüßt mich mein Pferd mit vorwurfsvollem Blick und verräterisch aus seinen Maulwinkeln hängenden Grashalmen. Ich spüre förmlich, was es ihn eigentlich zu sagen drängt: „Sieh Dir an, was Du mit mir gemacht hast! Mein feines Trakehner Nervenkostüm ist ruiniert und mein Bein schmerzt, weil mir der Hocker dagegen schlug und das alles bloß, weil Du mich mit dem Schermonster kitzeln musstest. Ich habe Dich nicht gebeten, mir mein warmes Winterfell abzurasieren – Du wolltest mich nackisch machen! Und dass Dir Dein Hintern jetzt weh tut, das geschieht Dir dreimal recht!“

Dass ich nun lachen muss, verletzt das Sensibelchen nun doch, denn er nimmt ja alles gleich persönlich – erwähnte ich, dass er im Sternzeichen der Fische geboren ist?

Das Dumme ist nun aber, dass er nun geschoren ist wie meiner Mutter Zwergpudel – der Körper rasiert, die Beine behaart und Hals und Kopf ebenfalls in plüschigem Look. Irgendwie hat er nun das Fundament eines Tinkers, mit seinen dickbehaarten Stampferbeinchen, den Hals und Kopf eines Clydesdales und den Körper vom Vollblüter. Dazu die Farbnuancen deren Variationen ein Panoptikum des schlechten Geschmacks verkörpern, weil sie irgendwo zwischen Schwarzbraun und besagtem Straßenkötergrau angesiedelt werden müssen.

„Tja, Dicker,“ überlege ich laut, „da können wir nur hoffen, dass die Leute denken, dass wir dem neusten Trend in Sachen Pferdehaarmoden folgten, der ihnen fatalerweise bislang noch entgangen war und es nachmachen, dann siehst Du wenigstens nicht allein so seltsam aus, denn ich gehe davon aus, dass ich in der Annahme recht habe, dass Du zu keinem Entgegenkommen bereit bist, wenn ich Dich fragen würde, ob wir es vielleicht doch noch mal versuchen, den Rest auch noch abzuschneiden. Aber vielleicht wächst das Fell ja auch rasch wieder nach und wir machen solange Pause und verstecken Dich derweil unter einer Decke.“

Nachdem nun vom Halfter wieder mal kaum was übrig blieb, was sich nur annähernd dazu verwenden lassen würde, meinen Zottel in die Box zu führen, hole ich den nun doch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Gummianbinder, welcher durch die Dehnung verlängert wurde, wickle ihn dem Trakki um den Hals und beschließe ihn im nächsten Jahr ganz frühzeitig einzudecken. Und die Schermaschine, die stelle ich bei Ebay ein – vielleicht bietet ja noch einer drauf, der statt eines sensiblen Fische-Trakehners einen Holsteiner hat mit Sternzeichen Widder und Aszendent im Skorpion und Nerven wie Drahtseilen.
© Stella
Saphir Teil 3
In den letzten Wochen begleitete ich die junge Musikerin Saphir auf ihrem Weg zu ihrem Musikwettbewerb. Nun sind einige Wochen vergangen, und alles scheint vorbei und vergessen - und trotzdem besuche ich Saphir noch einmal.
Sie lädt mich zu sich nach Hause ein und zeigt mir ihr Leben, so wie sie in den vergangen Wochen so eindrucksvoll mir Einblicke gewährte.


Da kommt sie auf mich zu, wir begegnen uns wieder. Nein, eigentlich noch viel mehr: Wir kennen uns richtig gut. Freundschaft darf man so etwas auch nennen.
Mit so einer Energie und einem Strahlen in ihren Augen kommt Saphir die Treppe zur Haustür entgegen gelaufen. „Hey, schön, dass du da bist!“

Da sitzen wir uns nun wieder gegenüber. Ein junger Mensch, der selbstbewusst und auf so bewundernswerter Weise still und geheimnisvoll auf mich wirkt. In den wenigen Augenblicken, in denen wir schweigen, da ist der Raum nicht leerer, sondern er scheint regelrecht zu wachsen und sich voller Musik und Gedanken füllen. Wärme. Zufriedenheit.
Aber ich bin nicht hier um zu schweigen, auch wenn mir Saphir diese Kunst beibringen könnten. Wir wurden zusammengeführt, ich werde über die Musik schreiben, über ihre Musik.
“Wie sieht dein Leben jetzt nach dem Wettbewerb aus?“ frage ich sie. Und ihre Antwort kommt schlagartig. [Genauso überraschend frisch kann Saphir reden, auch wenn sie wenige Momente zuvor noch ihren Gedankengängen folgte.] „Wunderbar“ strahlt sie mich an. „Jetzt mach ich alles, was in der letzten Zeit zu kurz gekommen ist.“ Und das sind vor allem ihre Freunde, die so lange ohne Saphir am Wochenende unterwegs waren. „Es ist schön auch wieder unbesorgt abends weg zu gehen, ohne dass man ein Vorspiel hat, oder gar am nächsten Morgen früh aus dem Bett muss.“
Saphir genießt ihre freie Zeit, auch wenn die Schule wieder viel Leistung und Aufmerksamkeit wünscht. Aber Saphir weiß, was sie in ihrer freien Zeit macht. Auch sie spielt Virtual Galopp und fiebert eifrig mit ihren Pferden mit. „Es ist total schön, wenn seine Pferde endlich wieder rennen und Punkte holen. Das tägliche Training einstellen, das hat mir schon gefehlt.“

Dennoch ist ihr Instrument, die Geige, nie weit von Saphir weg. Sie liegt auf einer wunderschönen alten Holz Kommode und wartet auf Saphir. „Soll ich dir mal was zeigen?“ will Saphir wissen [sie hat meinen aufforderten Blick zur Geige gleich richtig interpretiert...] und sie sucht auf ihrem Notenständer nach ein paar Noten.
Ein ganzer Stapel liegt darauf. Und dann spielt Saphir kleine Melodien mit einer Leichtigkeit und mit einem Glanz, der mich in den Bann zieht. „das sind alles Stücke, die ich vor ganz langer Zeit gespielt habe. Es ist besonders schön in diesen Noten zu graben. Wie so in einem alten Fotoalbum.Dann spielt man einfach auf was man Lust hat und es kommen total viele Erinnerungen beim Spielen.“ Und das hört man beim Zuhören dieser Musik. Saphirs Augen glänzen beim Spielen und auch wenn die Melodien noch so einfach scheinen, schafft es Saphir in einer unglaublichen Spannung und mit einem Bogen, der über die Saiten zu schweben scheint, die Zeit anzuhalten. Solch eine Spannung durch ihre ganz eigene Interpretation der Stücke scheint alles wie ein Sekundenschlaf. Plötzlich hört Saphir grinsend auf „Die Stelle überspring ich jetzt mal…“ Das sind dann die Notenläufe, die immer wieder aufpoliert werden müssen, sonst gelingen sie nicht. Aber daraus macht Saphir kein großes Drama. „Ich spiel ja meistens nur für mich, und dann spiel ich die Stelle einfach so wie sie kommt. Auch wenn Fehler drin sind. Wenn ich den Ehrgeiz habe, dann will ich die Stelle auch mal wieder fehlerfrei spielen, aber das muss jetzt nicht sein…“.

Fällt es Saphir schwer wieder in das Normalprogramm „Geigenstunde“ einzutauchen?
„Anfangs war es sehr ungewohnt,“ antwortet sie mir, „ plötzlich soll man wieder Etüden üben… Um ganz ehrlich zu sein: Ich war erstaunt, dass ich so viel Spaß an „trockener Technik“ –Etüden- habe.“ Im Moment übt sie ihre normalen Unterrichtsstücke einfach zwischendurch am Tag. Einfach wenn sie Spielen will, und ansonsten genießt sie die Ungebundenheit beim Üben – „ich nutze sie aber nicht aus.“







Ich entdecke bei Saphir ein weiteres Instrument, "Noch eine Geige?" frage ich sie, worauf sie nur grinst.
"Ja, es ist eine Geige, die hab ich geschenkt bekommen, oder vererbt bekommen, wie man nimmt." Und weil Saphir kein Instrument sinnlos in der Ecke stehen haben will, hat sie mit dieser "Geige" auch etwas geplant. Eine Geige besitze ich schon, was mir fehlt ist eine Bratsche. [Bratsche = Viola; ein wenig größer als die Geige, besitzt auch 4 Saiten. Besitzt an Stelle der höchsten Saite der Geige, eine weitere tiefere, die die Geige nicht besitzt.]
"Und auf den Geigenkörper spann ich einfach die Bratschensaiten ;). Dann besitze ich eine kleine Bratsche. vielleicht sollte ich Breige oder Geitsche oder einfach Violina sagen..." Die tiefen Töne vibrieren und klingen im raum viel kräftiger, weniger hell, sondern die Schwingungen sind sehr ausgeprägt.
Trotzdem "die Geige steht bei mir an erster Stelle, und danach dürfen erst Violina und das Klavier kommen."

So viele Instrumente zu spielen und zu lernen kostet viel Zeit und viel Geduld. Und wenn man das noch ganz erfolgreich macht, ist man da nicht stolz? "Stolz ja, aber es kann auch ganz schön nervig sein. Man wird eben darauf angesprochen. Und meistens bekomme ich erst von Verwandten und Freunden - oder von wildfremden Leuten!- erzählt "Ich hab in der Zeitung gelesen, das du wieder einen Preis bekommen hast!" oder "Ich hab ein Bild von dir gesehen..." Ich nick dann immer freundlich und wunder mich, mit welchen Orchester oder wo wieder irgendetwas gedruckt ist. Klar, so oft kommt das nicht vor, aber ich bin trotzdem überrascht, wer mich als auf mein Hobby anspricht - und ich nicht kenne. Und es kann auch ganz schön nervig sein, denn "sooo besonders gut" bin ich jetzt auch nicht." Saphir meint, dass man vieles überbewertet. Dass es zwar selbstverständlich selten ist, wenn man so lange, ziemlich gut ein Instrument spielt und damit auch Preise auf lokalen Ebenen gewinnen kann, aber dass sie mit dem Ruhm nicht immer gut umgehen kann.

Saphir, was wünschst du Dir für deine Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ich mich immer an diese Zeit erinnern kann, und dass ich weiterhin Geige spielen kann – wann und wie ich es will. Und dass ich noch viele andere Menschen dafür begeistern kann, es selbst zu probieren und zu genießen.

Ich möchte, dass noch viel mehr Menschen Kinder und jugne Erwachsene, als voll anerkennen und ihnen die Freiheit geben, die sie brauchen. Dass sie "Fliegen" lernen, und einfach lernen, auf ihr Herz zu hören. Ob es zur Musik führt oder nicht – das ist im Endeffekt egal.
Aber für mich war das das Beste, was mit passieren konnte.

Gastautorenartikel (SE)
© Hörstein
Reitsport im Wandel der Zeit
Als ich mich vor 30 Jahren zu meiner ersten Reitstunde anmeldete, sattelte der Pferdepfleger das Schulpferd Argo das erste Mal für mich. Mehr oder minder geduldig erklärte er mir die Riemen und Schnallen des Lederstückes, dass er dem Wallach ins Gesicht gehängt hatte: Genickstück mit Backenriemen – Schnallen nie öffnen! Kehlriemen am Genickstück - zum Auf- und Abtrensen öffnen. Stirnband – drin lassen. Nasenriemen – seitliche Schnalle nie öffnen! Kinnriemen – zum Auf- und Abtrensen öffnen. Alle anderen Schnallen bleiben zu! Er deutete bei seiner Erklärung auf das jeweilige Teil des Zaumzeuges und meinte abschließend: „Solltest du trotzdem etwas anderes aufschnallen als die beiden K-Riemen, nämlich Kehl- und Kinnriemen, kannst du zusehen, wie du die Teile hinterher wieder zusammenkriegst. Ich habe keine Zeit, euch Anfängern immer das Sattelzeug wieder zusammen zu setzen, weil ihr zu doof seid, euch zwei Sachen zu merken!“
Natürlich trat seine Prophezeiung ein. Argos Kopfstück war in Einzelteile zerlegt, nachdem ich es ihm ausgezogen hatte. Zum Glück waren wenigstens das Genickstück und der Kehlriemen fest verbunden, sonst hätten sich der sich Nasenriemen und die Backenstücke, welche sich zusammen mit Zügeln, die an den Trensenringen baumelten und ein hübsches Stilleben lieferten, doch weniger einsam gefühlt.

Kleinlaut präsentierte ich die Bescherung dem Pfleger, der daraufhin nur meinte: „Was ein Segen, dass wenigstens der Sattel, abgesehen von den Bügelriemen und dem Sattelgurt, aus einem Teil besteht, sonst hätte ich gar nichts anderes mehr zu tun als zu basteln.“

Heute wäre das Betreuen der Anfänger beim Fertigmachen und Aufräumen der Pferde ein Ganztagsjob. Nein, nicht etwa, weil so viele Menschen täglich den Reitsport für sich entdecken. Es hängt nur mittlerweile so viel „Gedöns“ am Pferd, dass selbst der fortgeschrittene Reitschüler Mühe hat, alles so zu verschnallen, dass das Pferd sich trotzdem noch bewegen kann. Zumal in manchen Vereinen sich die Unsitte verbreitet hat, Hilfszügel, wie z.B. den Ausbinder, schon auf der Stallgasse einzuschnallen, was die Balancestange Pferdehals natürlich außer Kraft setzt und einen Sturz bei etwaigem Verlust des Gleichgewichtes unausweichlich macht.

Nicht nur die Schulpferde werden zur Sicherheit des unsicheren Reiters mit Hilfsstricken gefesselt und geknebelt. Auch die Fortgeschrittenen grenzen den Stallmut ihres Pferdes gerne mal mit Martingal, Thiedemann-Kombination, Schlaufzügel, Gogue, Chambon und sonstigen interessanten Konstruktionen ein. Künstler zwischen Oxer und Triplebarre stehen dem natürlich auch nicht nach. Abenteuerliche Gebisskombinationen, wie z.B. Springkandare mit Hackemore, werden ergänzt durch Vorderzeuge mit Ringmartingalen, die den Zügel in der Art „brechen“, dass er in V-Form den Trensenring mit der Reiterhand verbindet. Das Gewicht des Leders am Pferd scheint heute mehr zu wiegen als das Pferd selbst.

Die Viereck-Akrobaten schonen ihre Reittiere auch nicht eben. Arbeit an der Hand bekommt einen ganz neuen Stellenwert. Aufsatzzügel, Dreieckszügel und Stoßzügel vorne halten den Kopf am richtigen Platz. Doppellonge und Hintergeschirr aktivieren das Hinterbein. So zum Postpaket verschnürt, fehlt nur noch eine Briefmarke, und das gute Tier ist versandfertig.

Wie arbeitete man früher sein Reittier, als es noch keine Myler-Gebisse und Longierhilfen gab, die einen dreitägigen Spezialkurs zur Anwendung erfordern? Mal ehrlich, wissen Sie, ohne die Gebrauchsanleitung zu lesen, wie rum so ein Korrekturgebiss ins Pferdemaul gelegt wird?

Was hatten wir es damals einfach! Die Frage, welche Trense in die Backenstücke geschnallt wurde, stellte sich eigentlich nicht wirklich. Höchstens Olivenkopf- oder Wassertrense stand zur Debatte. Für die Pfefferstoßer im Viereck Kandare mit Unterleger. Auch die Materialfrage war schnell gelöst. Edelstahl hohl oder massiv, vielleicht auch mal Gummi – aber das schon ganz selten. Heute hat man die Qual der Wahl zwischen Gummi, Kunststoff mit und ohne Apfelgeschmack, Nathe, Edelstahl rostfrei, verrostetes Eisen – im Fachjargon Sweet Iron –, Argentan, Aurigan mit Edelstahlringen und Auriganringen ... Habe ich etwas vergessen? Ach ja, das neurotische, nein, merothische Ledergebiss für die Softies unter den Equiden.

Selbstverständlich ist auch die Formgebung der Modelle immer den aktuellen Erkenntnissen der Forscher zum Wohl des Pferdes angepasst. Vielleicht auch zum Wohl des Geldbeutels der Reitsporthersteller. Jedenfalls müssen Sie nicht erwarten, dass das an der Hansepferd gekaufte Pessoa-, Conrad- oder KK-Gebiss an der Equitana noch aktuell ist. Dazwischen gibt die Spoga in Köln, die Messe für den Reitsportfachhandel, die Trends vor und setzt Maßstäbe rund ums Pferd. So ist die im Frühjahr für fast 200 Euro erstandene DS (Dressage Spezial-)Kandare aus der KK-Kollektion im Herbst bereits ersetzt durch die individuelle „Puzzle“-Kandare Sprenger Multi, bei der nicht nur die Stange austauschbar ist, sondern auch die Neigung der Zungenfreiheit im Maul des Pferdes veränderbar. Wen wundert da, dass der gute alte Sattelschrank immer mehr zum Waffenschrank mutiert. Was dort an metallischen „Pferdebremsen“ lagert. ist an Wert bald mit dem Inhalt eines gut gefüllten Banksafes vergleichbar.

Bin ich nun antiquiert, wenn mein englisches Reithalfter sich nicht durch eine schwedische Rollschnalle verschließen lässt? Schon der Abschied vom guten alten hannoverschen Nasenriemen kostete mich Überwindung. Dem Pferd zuliebe, dessen anatomische Konstruktion des Kopfes die Nasentrompete ausgerechnet an der Stelle vorsieht, wo das Nasenband lag, kaufte ich ein neues, bei dem ich mich nicht als Tierquäler fühlen muss und die Gefahr banne, dass mein Pferd während des Ausrittes erstickt. Trotzdem bin ich immer noch der Ansicht, dass das hannoversche Reithalfter, korrekt mit einem Finger Luft am Kinnriemen und einer knappen Hand über dem oberen Nüsternrand, keinem je den Atem geraubt hätte. Oder auch nicht mehr, als ein festgezurrter Sperriemen, der zur Bändigung unerwünschter Maultätigkeit dem englischen Reithalfter beigefügt wird. Man will ja schließlich nichts dem Zufall überlassen! Apropos Verschnallung: Das mexikanische Reithalfter ist auch nicht mehr das, was es mal war. Erst vor kurzem bat mich eine Reitkollegin, ihr beim Anpassen eines solchen zu helfen. Aber wie wir auch kreuzten und schnallten, die vier Riemen, welche aus dem fellunterlegten Mittelstück lugten, fanden nicht zueinander und waren immer viel zu lang. Die Arme ritt dann ohne Nasenband, bis wir in einer Fachzeitschrift zufällig sahen, dass die oberen Lederstücke nicht wie einst zwei Finger breit unter, sondern direkt über dem Jochbein zu liegen haben und unter den Ganaschen geschlossen werden. Zum Glück hatte meine Bekannte die überständigen Lederbänder noch nicht abgeschnitten. Wieder was gelernt.

Nach wie vor bin ich aber auch der verstaubten Meinung, dass ein nach den Richtlinien zur Ausbildung des Pferdes seinem Alter entsprechend gearbeitetes Tier auch mit konventionellen Gebissen, Reithalftern und sonstigem Lederzeug in der Lage sein sollte, ausbalanciert in allen drei Grundgangarten und über den Rücken schwingend an die Reiterhand heran zu treten.

Was jedoch auf den Turnierplätzen geboten wird, reicht von Rollkur, wahlweise mit und ohne Schlaufzügel, bis Flexen, was mich ungemein an überzogenes „Riegeln“ erinnert, das bei uns noch mit „rechts und links abstellen zum Lösen der Halsmuskulatur“ schön geredet wurde. Wie immer man es nennen mag, es war zu meiner Zeit verpönt.

Auch Sinn und Unsinn des Schlaufzügels wurde reichlich diskutiert. Ich spreche diesem Hilfszügel seine Berechtigung bei der Korrektur von falsch gerittenen Pferden nicht ab. Aber in einer weniger kurzlebigen Zeit, in der nicht endlos Nachschub zu Schnäppchenpreisen zu bekommen war, hatte man die Muße, den Remonten auch mal noch ein Sommer Weide zu gönnen, wenn sie im Frühjahr dreijährig unter den Sattel kamen. Im Herbst, wenn die Pferde gut dreieinhalb waren, fing man mit der Ausbildung an. Schließlich hatte man mit dem künftigen Sportkameraden in die Zukunft investiert und wollte noch lange was von haben. Vierjährig dann die ersten Materialprüfungen. Mit fünf dann A-Dressuren mit Gehorsamssprung, der manche Platzierung verhinderte. Eignungsprüfungen oder Aufbauprüfungen gab es nicht. Und es war auch nicht jedes Wochenende ein Turnier in der Nähe, das man besuchen konnte, so man Auto und Anhänger zur Verfügung hatte.
Es war sicherlich nicht alles schöner, besser oder toller. Aber der Wert oder die Wertigkeit des Pferdes wurde höher geschätzt. Zumindest von den Amateurreitern. Wenn das Pferd bei L begrenzt war, ritten wir eben L und übten in stiller Hoffnung weiter. Auf die Idee, das Pferd zu wechseln, kam keiner meiner Reiterkameraden. Viele hatten ihr Pferd als rohen Dreijährigen gekauft und machten sich die langjährige Arbeit, es selbst auszubilden. Ein Pferdeleben lang behielt man es, das mehr Freund als Sportpartner war, und gewährte ihm nach dem Gnadenbrot auch ein würdiges Sterben. Auf die Idee, den alten Kämpen „als Beisteller in gute Hände“ abzugeben, weil man zu feige war, ihn auf dem letzten Weg zu begleiten, wäre ich nicht gekommen und auch keiner meiner Vereinskollegen.

Aber die Überlegung kommt mir nun, wurden die Sportpferde damals älter? Und das obwohl die Tiermedizin noch nicht so fortgeschritten war und die Futtermittelindustrie noch nicht für jeden Pferdetypus eine spezielle Müslimischung bereit hielt? Wie hielten eigentlich die Eisen, bevor Zusatzfuttermittel mit Biotin und Zink für gesundes Hufwachstum sorgten? Damit kein Missverständnis entsteht: Ich stelle mich dem Fortschritt nicht in den Weg, wenn er den Pferden zu Gute kommt. Vieles ist mit den Jahren besser geworden. Die Haltungsbedingungen räumen den Tieren mehr Bewegungsfreiheit und ein artgerechteres Leben ein als die reine Boxenhaft auf 3 x 3 Metern oder gar die Anbindeständer, in dem unsere Schulpferde vor 20 Jahren noch standen. Vieles rund ums Pferd ist heute leichter, einfacher oder zeitsparender. Auch die Sicherheit von Reiter und Pferd ist nicht vergleichbar mit den Möglichkeiten vor einem Vierteljahrhundert.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass der Partner Pferd immer weniger im Mittelpunkt steht. Die Degradierung zum Sportgerät, das bei Fehlfunktion oder Unbrauchbarkeit ersetzt wird, ist immer spürbarer. Dabei gibt es doch gerade in den letzten Jahren vom Tierheilpraktiker über Rehazentren bis zum weitreichenden Angebot der Pferdetrainer, die mit Join up und ähnlichem die Pferdeseele heilen, so viele Möglichkeiten wie nie, die Equiden glücklich zu machen.

Und auch der Reiternachwuchs hat heute alle Chancen, um die seine Mütter und Väter ihn beneidet hätten. Aber auch hier ist der Ton rauher geworden. An den Jugendturnieren starten 13- oder 14-Jährige in Lederstiefeln mit Sporen und 100-Euro-Reitkappen, die ihr Pony als Bock und Scheißtier bezeichnen – und wenn der Erfolg ausbleibt, war der blöde Zosse schuld. Meine ersten Lederstiefel erhielt ich mit 17 Jahren und die Sporen dafür musste ich mir verdienen. Dafür ging ich durch eine harte Schule, die manche Träne fließen ließ. Wenn das Schulpferd Tino mich mal wieder nach Runden des rasanten Galoppierens in der Ecke verlor, half mir der Reitlehrer nicht etwa mit Worten des Trostes aus der Lohe, sondern faltete mein Selbstbewusstsein endgültig, indem er brüllte: „Wann kommst du endlich auf die Füße und fängst das Pferd ein? Soll er noch in den Zügel treten oder was, nachdem du ihn so erschreckt hast?“ Am Halleneingang stand dann auch zu lesen: „Merke! Dein Pferd hat niemals schuld!“

Ich habe auch nur einmal gewagt, der besseren Kontrolle wegen um einen Stoßzügel zu bitten. Der 10 Minuten lange Vortrag über den Missbrauch von Hilfszügeln durch Leute, die ihre eigene Unfähigkeit zu verstecken suchen, indem sie ihrem Pferd kiloweise Leder umhängten, endete mit den Worten: „Lernt erst mal Reiten, bevor ihr die armen Viecher traktiert!“ Zum Schlaufzügel vertrat er die Ansicht: „In der Hand eines Dilettanten wirkt er wie das Rasiermesser in der Pfote eines Affen!“

Daran denke ich oft, wenn ich abends in den Vereinshallen die gestressten Pferdebesitzer treffe, die vor einem gepflegten Feierabendbierchen im Casino noch schnell den Gaul geritten kriegen müssen. Damit man schneller fertig ist und nicht so sehr ins Schwitzen kommt, denn schließlich soll ja das Pferd arbeiten, hat der Besitzer doch bereits acht Stunden Tagwerk hinter sich gebracht, hängt man gerne „Schlaufis“ in die Trensenringe. Vorne ziehen - hinten treten. Ein Ruck ins Maul, schon steht der Gaul. Ein Wink mit dem Knüppel, dann geht der Krüppel. Leitsätze, die den Halleneingang zieren, wo früher zu lesen stand stand: „Behandle ein Pferd wie deinen besten Freund – mit Respekt und Wohlwollen“. Vielleicht ist es das, was mir heute so fehlt und was mich mit Wehmut an die gute alte Zeit denken lässt.
Gastautorenartikel (SE)
© DreamBanana
Mein letzter Sommer mit Liese-Lotte
Ich saß auf der Heuwiese ,die haare von Liese-lotte zwischen den Fingern,mein Gesicht richtete ich in Richtung Sonne. Liese-lotte, meine Freundin und Nachbarin, wurde von allen nur liebend Lolle genannt. Sie hatte langes blondes Haar, wunderbare glänzende Augen und sah einfach aus wie ein Engel.
Nun lag sie in ihrer geliebten blau beige karierten Reithose auf meinen beinen in der Heuwiese. "Da schau dir die ganzen bunten Blumen an!" so riss mich Lolle aus meinen Träumen. Ich wusste schon immer das sie Blumen liebte...
Sie war meine Nachbarin, wir machten alles zusammen, warne zusammen Mitglieder des nahe gelegenen Reitvereins, nur in die selbe Klasse gingen wir nicht, waren aber beste Freundinnen.
Wir lagen Stunden lang in der Wiese, so kam es mir vor... irgendwann standen wir auf und rannten in Richtung Reitstall, an den Weiden, wo unsere Pferde standen vorbei und bis zum Reitplatz.
Wir lachten uns an und es wurde mir einmal wieder bewusst wie sehr ich meine Lolle doch liebte, ihr lachen, ihr Geruch einfach alles an diesem Menschen.
In diesem Moment konnte ich noch nicht wissen, dass es bald anders wird, ganz anders.
Wir holten unsere Pferde von der Weide. Lolle hatte einen wunderschönen Wallach namens Littel Pasion, der von allen aber nur Pap von allen genannt wird. Er ist schokobraun und einfach nur sooo süß.Mein Pferd ist eine braune Stute, die den Namen Sweet Faines trägt.
Lolle und Pap gingen mit mir in die selbe Springstunde, dort hatten wir immer spaß nur unser Trainer leider nicht.
Heute wollten wir Ausreiten . Es wurde etwas kühler und die drückende Hitze machte der Abendkühle den weg frei.Lolle und ich putzen die Pferde und sattelten danach. Ich schwang mich auf meine Sweet und wartete auf Lolle . ihr Pap machte wieder anstalten , doch dann konnte es los gehen . Ich merkte wie Lolle ihre sorgen alle vergaß wenn sie auf ihrem Pferd saß , dann gab es immer nur die beiden , so ein eingespieltes Team . Wieder dachte ich meine Welt wäre einfach unzerstörbar schön.
Die zeit verging und für mich wurde dieser Sommer unvergesslich Lolle und ich hingen zusammen im Stall rum , lagen im Freibad auf der Wiese ,sind shoppen gegangen in der Stadt , führten unsere DVD Abende ein , die aber immer mehr "und ich übernachte bei Lolle oder sie bei mir" ausarteten .Es war eine verdammt schöne zeit.
Mittlerweile war es August , die vorigen Monate verflogen unser Ferien verbrachten Lolle und ich zusammen , jeden Tag, uns brachte nichts , rein gar nichts auseinander ,nur eins konnte uns trennen doch zu dieser zeit hatte ich mir so etwas nicht mal im entferntesten sinne vorstellen können.
Auf den Feldern wurde das Korn größer und größer , es wurde goldgelb und schließlich wurde es geerntet ... die Bauern stellten uns, dem Reitverein die Felder zurverfügung , Lolle und ich veranstalteten die wildesten rennen und hatten wie immer eine menge spaß. Die Reitturniere waren im vollen gang , auf dem Abreitplatz noch ein herz und eine Seele wurden wir im Pakurs regelmäßig die schärfsten Konkurrenten .aber es war uns am ende egal wer siegte Hauptasche einer von uns beiden , dann feierten wir bis spät in die nacht .

Ich saß am Computer und chattete im ICQ mit Leuten aus den Ferien und meiner Klasse ... doch auf einmal schrieb mich ein junge aus Lolles klasse an und fragte mich ob ich Lolle noch einmal sehe heute , ich bejahte , ich sollte ihm sagen das sie sich dringend melden sollte .
Als ich zum Stall fuhr vergaß ich es prompt. Lolle und ich alberten wie immer rum.
Doch plötzlich wurde Lolle bleich im Gesicht " was ist los Lolle?" fragte ich voller Kummer . Es kam nix , das schweigen brachte mich in Unsicherheit.
"Loooollllle! Sag etwas bitte!" schrie ich sie an , doch Lolle starrte durch mich durch , ihre Augen wurden unklar , milchig , einfach so fremd . Ich schrie nur noch "Lolle was ist los mit dir , sag doch etwas !!!LOLLE!"...
diese Sekunden kamen mir wie Jahre vor .
Plötzlich sackte Lolle in sich zusammen ich schrie um Hilfe und kniete mich zu meiner Lolle . ihr Atem war flach und im nachhinein weiß ich das ich ihr beim Kampf in ihr selbst nicht helfen konnte . Eddi,der Stallbursch rief den Notarzt und versuchte mit mir alle um Lolle zu uns in unsere Welt zu holen , doch Lolle kam noch , öffnete nicht ihre schönen klaren blauen Augen und sprang nicht auf und sagte "es war ein Scherz" und ich wachte nicht auf aus diesem Alptraum irgendwann versagten meine Kräfte doch ich kämpfte weiter .
Der Notarzt kam , doch das was er mir wenige Minuten später sagte , zerstörte mein leben , nicht nur meines sondern auch das vieler anderen.
Er sagte, dass sie den Kampf verlieren müsste , ich stürzte zu Lolle und sagte das ich mit komme , sie nie alleine lassen würde , ich sagte sie müsse sich noch bei ihrem Klassenkameraden melden . ich sagte ihr das sie immer bei mir bleiben wird und nahm sie in den arm und weinte , doch das alles bekam meine Lolle nicht mehr mit!
Ich schrie und heulte und verstand die Welt nicht mehr .
Zuhause fiel mir die decke auf den Kopf, im Stall begegnete ich Lolle, in gedanken.



Das Ende des Jahres und meine Gedanken :
Lolle war nicht mehr da, sie wird auch nicht mehr kommen.
An ihrer Beerdigung kamen soo viele Menschen ich saß neben lolles Eltern, die nach ihrer Trennung glaube ich noch nie so nett zu nebeneinander saßen , ich war lolles beste Freundin ich wusste alles von ihr . Der Gottesdienst zog an mir vorbei und ich dachte nur an unseren Sommer, unseren letzten auf dieser erde!
Viele Sprüche rasten durch meinen Kopf:
Die tausend Sprüche und Gedichte:

*Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust,
wird es dir sein, als lachten alle Sterne,
weil ich auf einem von ihnen wohne,
weil ich auf einem von ihnen lache.
Du allein wirst alle Sterne haben,
die lachen können!*


~ Begrenzt ist das Leben, doch unendlich die Erinnerungen! ~

~Its easy to say
"I love you!"
but its hard to say
"goodbye forever!"~

und so könnte die liste weiter geschrieben werden , doch davon kommt Lolle nicht zurück, mittlerweile hat sie ein wunder schönes Grab .
eines Tages also ich sie besuchte waren ihr Großeltern da sie sagten mir " damals als Lolle zur Welt kam hat es geregnet , aber nur weil der Himmel so traurig war , weil er seinen schönsten Engel verloren hatte." Diese Worte brannten sich in meinem Kopf fest wie alle anderen Erinnerungen in diesen Jahr mit Lolle!

Mittlerweile reite ich Pap und sehne mich jeden Tag nach den lustigen stunden mit Lolle , aber ganz im inneren weiß ich das Lolle und ich zusammen gehören und das sie nun ein Stück von mir , ein Teil meines Herzens ist!
Lolles Grab ist immer mit Tausenden Blumen und Geschenken geschmückt , es macht mich glücklich zu sehen das sie immer noch zu uns gehört und nicht vergessen wird!
Und dies alles geschah in einem Sommer , im Sommer meines Lebens!, der Sommer dir mir ewig in Erinnerung bleiben wird , weil es der Sommer von mir und Lolle war!
Ich widme diesen Text Lolle , eine freunden die ich nie vergessen werde und immer lieben werde!
RL-Galopp
© Hopi
Vom Gestüt auf die Bahn – Rote Zora auf ihrem Weg zum ersten Start – Teil 6
       
Anfang Oktober, nach langer Pause wegen des Wachstums und anschließendem sorgfältigem Training war es dann so weit. Das erste Rennen von Zora war nicht länger ein unbestimmter Termin in weiter Ferne – es gab ein Konkretes Datum. Am 16.10. sollte Zora zum ersten mal unter Seide aus einer Starmaschine springen. Die Natur der Sache machte es allerdings erforderlich die Stute zunächst ein mal in selbige hinein zu bekommen. Und zwar schon einige Zeit vor dem Rennen denn alle Pferde müssen vor ihrem ersten Start eine Startmaschinenprüfung ablegen. Im Pferdepass wird festgehalten ob diese auf Anhieb bestanden wurde oder Wiederholt werden musste. Und genau so wie Menschen für eine Prüfung lernen, musste auch Zora fleißig üben. Immerhin, der Doni hatte damals auch gleich bestanden, wie würde das dann nur aussehen wenn sie am Ende noch durchfällt und Wiederholen muss? Die Frage stellten wir ihr leise in der Box als es zum ersten mal los zur Praktischen Übung ging. Interessiert hat sie das natürlich wenig, was wir Zweibeiner da schon wieder auf sie einredeten.
Dafür wurde sie umso hellhöriger als wir auf ein mal durch ein kleines Tor gingen das vom Hof aus direkt zu den Sattelboxen führt.
„Wo sind wir denn jetzt gelandet?“ schien sie sich zu Denken und trippelte aufgeregt neben ihrer Trainerin her. Das Rennbahngelände war vom Hof aus zwar zu sehen – betreten hatte sie es, mit Ausnahme des Geläufes natürlich, aber noch nie. Wir gingen ein mal Quer über den Sattelplatz durch einen weiteren Durchgang und liefen über den Zuschauerplatz, wo Pferde eigentlich gar nichts zu suchen haben. Außen vorbei am Führring, jeder knacksende Ast war unheimlich und Zora wieherte beunruhigt. Warum war sie ganz alleine hier? Wo war Doni? Der war doch sonst immer mit? Stocksteif blieb sie stehen und sprang dann nach einem kleinen Klaps auf den Hintern erschrocken nach vorne, schaute mich empört an. Wir gingen weiter auf das Geläuf zu, und schoben dann eine der Absperrungen fort um es mit Zora zu betreten. Sofort war sie Elektrisiert, tänzelte noch mehr als vorher, wölbte den Hals und blähte die Nüstern.
„Nein kleine, wir Galoppieren jetzt nicht.“ hörte man die Beruhigende Stimme der Trainerin neben ihr.

Die Startmaschine befindet sich an Rennfreien Tagen im Innenraum der Bahn und dort hinein kommt man am schnellsten indem man durch die Stangen an denen Tafeln für Rennen und Quoten befestigt sind geht. Gruslig ist das. So ein enger Zwischenraum und da soll man durchlaufen? Es brauchte schon einiges an Überredungskunst bevor Zora im Eiltempo zwischen den Stangen durchlief um dann ein mal Schwungvoll in die Luft zu Buckeln und aufgeregt zurück zu schauen.
„Ihr blöden Standen könnt mir ja gaaar nichts!“
Nachdem diese Hürde genommen war standen wir aber direkt wieder vor der nächsten. Die Führmaschine sah für Zora alles andere als Einladend aus und zunächst ging sie keine 10 Meter heran. Wir liesen sie einige Zeit stehen, bis sie ihren Kopf senkte und zu grasen begann. Dann gingen wir Stück für Stück näher und Zora beschnupperte die Startbox vor ihr neugierig. Sowohl die hinteren als auch die vorderen Klappen waren geöffnet, das erste Ziel: Zora sollte zwei oder drei mal ruhig hindurch gehen.
Gesagt, getan? Nun, ganz so einfach ist es nicht.

So eine Startbox ist extrem eng, vor allem auch durch die Trittbretter an den Seiten. Zur Information: die unten in der Startbox stehende Person ist weder besonders groß noch besonders dick, sondern eher extrem dünn. An dem Bild wird sehr schön deutlich wie wenig Platz in so einer Startmaschine ist und warum so einige Pferde sich schöneres Vorstellen können als da hinein zu gehen.
Auch Zora stand erst mal Skeptisch vor der Box, mit einem Grasbüschel in der Hand lockten wir sie zumindest mit Kopf und Hals in die Maschine hinein, der Rest von ihr blieb, darauf achtete sie genau, aber weiterhin draußen. Nach fünf Minuten wagte sie sich vorsichtig ein paar Schritte nach vorne, doch als ihre Seite eines der Trittbretter berührte sprang sie erschrocken Rückwärts aus der Box hinaus und blieb mit bebenden Nüstern einige Schritte entfernt stehen. Wir starteten einen zweiten Versuch, diesmal wagte sie sich immer noch stark zögernd, aber doch schneller als zuvor, ein kleines Stück in die Maschine hinein. Wir ließen sie ruhig stehen bevor wir sie Schritt für Schritt immer weiter laufen ließen, darauf achtend das sie die Trittbretter nicht wieder berührte. Als sie bis zur Hälfte in der Maschine stand gaben wir ihr einen Klaps auf den Hintern und unsere Trainerin zog sie energisch nach vorne. Schnellen Schrittes eilte Zora durch die Box und wurde sowie sie draußen war von uns gelobt.

Andere Pferde brauchen bis zu zehn Versuchen ehe sie auch nur zur Hälfte in der Box stehen und Zora war bereits beim zweiten Versuch durch gelaufen – eine Ordentliche Leistung für so ein kleines Stütlein. Es waren zwar nur wenige Schritte doch diese sind extrem wichtig, denn meistens brechen sie das Eis – ist ein Pferd ein mal durch die Box durch gelaufen hat es die größte Angst überwunden. Beim zweiten mal brauchten wir dennoch wieder ein paar Minuten, dann schritt Zora aber Problemlos hindurch und das Dritte mal zögerte sie kein bisschen mehr. Zurück über die Bahn ging es wieder in den Stall, morgen würden wir weiter üben.

Als wir am folgenden Tag wieder vor der Maschine standen war Zora wesentlich entspannter als beim ersten mal – das änderte sich aber als sie in die Box sollte den dieses mal waren die Klappen an der Vorderseite geschlossen. Misstrauisch beäugte Zora den Innenraum der Box...sollte sie da wirklich reingehen? So ganz ohne Fluchtmöglichkeit nach vorne? Es dauerte eine Weile doch dann entschied sie sich dafür. Etwas nervös stand sie in der Box und schon nach einigen Sekunden öffnete ich die Klappe und sie ging erleichtert hinaus. Das selbe machten wir noch ein mal, nur mit für eine ganze Minute geschlossenen Klappen, bevor wir beim dritten mal auch die hinteren Klappen schlossen. Beim leichten zurückweichen spürte Zora den Widerstand an ihrer Hinterhand und blickte sich erschrocken um. Sie riss ihren Kopf in die Höhe und ihre Augen weiteten sich als sie feststellte das sie nun weder nach vorne noch nach hinten aus der Box kommen konnte. Beruhigend redeten wir auf sie ein und nachdem sie sich wieder etwas entspannte und zögerlich das ihr hingehaltene gras nahm warteten wir nur noch kurz ehe wir sie wieder vorne raus laufen ließen. Beim zweiten Versuch mit beidseitig geschlossenen Klappen ließen wir sie länger stehen – ganze 5 Minuten in denen sie die Maschine beschnupperte und sich schließlich völlig davon überzeugen konnte das ihr hier keine Gefahr drohte. Auch als wir mit Schlüsseln ohne Vorwarnung gegen die Metallstangen klirrten und ein bisschen an der Maschine rüttelte blieb sie ruhig, schaute nur etwas aufmerksamer drein. Wir lobten sie und nachdem sie ruhig aus der Box geschritten war brachten wir sie zurück in den Stall.

Einige Tage später kam das Startmaschinentraining mit Reiter im Sattel an die Reihe. Als Begleitpferde gingen Kefir und Ginger mit Zora auf die Bahn – Ginger hatte beim Zweiten Start ihres Lebens schlechte Erfahrungen mit der Maschine gemacht, währe fast vom Start verwiesen wurden. Deshalb sollte auch sie noch ein mal das richtige Einrücken üben. Nur für Kefir war das Vorhaben bereits komplett Routine, er ging immer Problemlos in die Maschine.
Immer? Wie das Leben so spielt hatte Kefir ausgerechnet als die beiden unerfahrenen Stuten mit von der Partie waren einen seiner „Ich sehe überall Gespenster“-Tage. Er trippelte mit aufgerissenen Augen vor der Maschine umher, führte als er eigentlich geradeaus in die Box sollte Schenkelweichen vom allerfeinsten vor und fing als gar nichts mehr ging mit Rückwärtslaufen und erschrockenem zur Seite Galoppieren an. Ginger stand alarmiert und mit großen Augen Stocksteif vor der Maschine, auf ihr saß die Trainerin die sie zum Vorwärtslaufen animieren wollte als klar war das Kefir wohl kaum den ersten Schritt machen würde. Aber nichts da. „Wenn Kefi nicht will gehe ICH da erst recht nicht rein!“ Ginger tat es dem älteren nach und lief Entschlossen Rückwärts.
„Okay! Zora geht vor!“ kam es von der Trainerin. Bitte was? Alle schauten sich verwirrt an.
„Jetzt echt?“ fragte Zoras Reiter nicht ganz unberechtigt und erhielt ein gereiztes „Ne - zum Spaß!“ als Antwort. Es folgte tiefes durchatmen und als Ginger und Kefir, bereit jederzeit wieder Rückwärts zu gehen, ein paar Schritte vor der Maschine standen lenkte Zoras Reiter sie auf die Startbox in der Mitte zu. Ohne zu murren lief die kleine Stute heran – und blieb kurz davor stehen. Ermutigt vom Beispiel der jüngeren Stute ging nun auch Ginger bis kurz vor die Box. Die zwei Stuten standen wie Kühe auf der Weide vor der Maschine.
„Ja und jetzt?“ kam es von hinten.
„Na und jetzt du!“ war die Antwort.
„Als hätte ich es nicht geahnt...“ schien Kefir zu Denken und rammte seine Beine Stur in den Boden. Zoras Reiter gab ihr leicht den Befehl zum weitergehen und tatsächlich lief Zora zögernd zwei Schritte nach vorne. Ginger machte einen Schritt und Zora blickte zu ihr. Sie ging noch ein Stück nach vorne, Ginger folgte. Sich gegenseitig anschauend und immer nur einen Schritt machend wenn die andere auch mitkam gingen die zwei Stuten zögernd in die Maschine. Als währe es unter Kefirs Würde das zwei solch Junge Gören ihm auch noch was vormachten Schritt auch er auf ein mal völlig entspannt in die dritte Box und stand ungeduldig nach hinten blickend da – „Na kommt ihr jetzt auch mal?“. Aber klar. Zora und Ginger machten die letzten Schritte und standen drinnen. Die Klappen wurden geschlossen und eine Weile standen die Pferde da und vor allem Zora und Ginger konnten noch ein mal in Ruhe durchatmen. Dann wurden die Klappen geöffnet und Kefir und Ginger, die ja schon wussten was erwartet wurde, sprangen sofort hinaus und galoppierten los – eine recht verwirrte Zora stand für eine Millisekunde erschrocken da und hastete dann aufgeregt hinterher. Beim zweiten mal wusste Zora was los war und um ihr zusätzlich etwas „dampf unterm Hintern“ zu machen stellten wir Pfleger uns hinter ihre Box und trieben sie als die Klappen geöffnet wurden noch ein mal extra an. Das sie losgaloppieren sollte hatte sie verstanden, etwas Tollpatschig stellte sie sich trotzdem an: sie sprang eher schräg als gerade aus der Maschine und kollidierte erst mal mit Kefir der sie erschrocken ansah. Beim dritten Versuch klappte alles wunderbar und eine Woche später ging Zora vor den Augen des Prüfers in die Maschine als gäbe es nichts selbstverständlicheres auf der Welt.
Prüfung erfolgreich bestanden. Wir freuten uns. Und Zora? Nun wahrscheinlich hatte sie vor allem einen Gedanken:
„Währe ja auch gelacht gewesen – der Doni hat es damals schließlich auch geschafft...“